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Der Baum der Reisenden

Die Ravenala, besser bekannt als der Baum der Reisenden (Ravenala madagascariensis) , gehört zu den Strelitziengewächsen, wenngleich sie äußerlich eher einer Palme ähnelt. Obwohl sie heute überall auf der Welt verbreitet ist und sogar als Zierpflanze in einigen Wohnungen kultiviert wird, stammt sie ursprünglich aus Madagaskar und kommt nur dort natürlicherweise vor.

Ravenala in Andasibe
Ravenala auf einem Hotelgelände in Andasibe

Ravenalas werden durchschnittlich rund 15 Meter hoch und sind besonders für ihre typischen, im Halbkreis angeordneten, langen Blätter bekannt, die bis zu drei Metern Länge erreichen. Der Stamm wird bis zu 30 cm dick. Ihren Namen hat die Pflanze durch ihre vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten gewonnen: Sie bietet dem Reisenden ein Dach über dem Kopf, wenn es regnet – noch heute sind viele Hütten auf Madagaskar mit Ravenala-Blättern gedeckt und aus den Stämmen der Pflanze gebaut. Reisende können außerdem mit dem sich in den Blattachseln der Ravenala sammelnden Wasser ihren Durst löschen, oder ihren Hunger durch die essbaren (aber etwas mehligen) Samen und Blattspitzen stillen. Zuletzt dient die Ravenala dem Reisenden als Orientierung: Sie wächst meist in Ost-West-Richtung.

Die Madagassen unterscheiden vier Formen des Baums der Reisenden:

Da ist zum einen die Malama, die durch die spiralförmige Anordnung ihrer Blätter als junge Pflanze auffällt. Man nimmt an, dass durch diese spezielle Form besonders effektiv das zum Wachstum notwendige Licht am Boden des Regenwalds eingefangen werden kann. Entsprechend findet man die Malama auch nur in dichten Regenwäldern des Hochlands, zum Beispiel um Andasibe oder Ranomafana. Es ist wahrscheinlich die evolutionär am weitesten entwickelte Ravenala mit der speziellsten Anpassung.

Zwei unterschiedlich alte Bäume der Reisenden nebeneinander
Zwei unterschiedlich alte Bäume der Reisenden nebeneinander

Eine weitere Form ist die etwas schneller wachsende Hiranirana, die sich durch die wechselständige Anordnung ihrer relativ breiten Blätter und gut ausgebildeten Blattstiele auszeichnet. Sie wächst auf Höhen zwischen 600 und 900 m, und kommt hier und da auch im Tiefland vor. An der Ostküste, wo jedes Jahr Zyklone große Löcher in die Wälder reißen, nutzt die Hiranirana die entstandenen Lücken und wächst auf den zerstörten Waldstücken.

Die Bemavo ist die dritte und auf Madagaskar häufigste Form des Baums der Reisenden, und kommt vor allem zwischen 200 und 600 m vor. Dank ihrer guten Anpassungsfähigkeit ist sie aber auch mal auf bis zu 1000 m zu finden. Die Bemavo kommt vor allem in trockenen Savannen, offener Sekundärvegetation und an steilen Hängen vor, in dichten Wäldern wächst sie nicht. Sie kommt am besten von allen Formen mit Trockenheit und abgeholzten Gegenden zurecht und erreicht mit bis zu 25 Metern auch die größte Höhe. Im stark von Brandrodung gezeichneten Hochland Madagaskars existieren regelrechte Ravenala-Wälder, in denen es fast nur Bemavos gibt. Die Blätter der Bemavo sind zeit ihres ganzen Lebens perfekt gefächert.

Die letzte Form der Ravenala, die die Madagassen kennen, ist die Horonorona. Sie ähnelt der Bemavo und behält gleichfalls stets den perfekten Fächer, ist aber ingesamt etwas kleiner und stellt wahrscheinlich die ursprünglichste Ravenala dar. Bevorzugt wächst die Horonorona unter 300 m Höhe, und ist dabei besonders häufig in kleinen Tälern direkt über Flüssen oder in feuchten, sumpfartigen Gebieten direkt an der Küste zu finden. Außergewöhnlich an dieser Form ist, dass sie sich durch kleinere, eigene Wurzel bildende Stämme reproduzieren kann, die aus dem alten Hauptstamm hervorwachsen.

Alle anderen Ravenalas werden vorwiegend mit Hilfe von Vögeln bestäubt, die sich auf die Deckblätter setzen, um an den Nektar in den darunter liegenden Blüten zu kommen. Die Blüten sind klein, weiß und relativ unscheinbar. Berührt ein Vogel sie mit dem Schnabel, explodiert die Blüte regelrecht und verteilt damit ihren Blütenstaub über dem Vogel, der diesen dann mitnimmt zur nächsten Ravenala. Je nach Region übernehmen auch Varis die Bestäubung, was den Baum der Reisenden zu einer noch spezielleren Pflanze macht: Nur wenige Arten weltweit werden von Säugetieren bestäubt.

Ravenala neu 8
Stamm einer Ravena nach Brand

Ist eine Ravenala befruchtet, so bildet sie bis Finger lange Kapselfrüchte aus, in denen sich die strahlend blauen Samen befinden. Sie brauchen besondere Bedingungen, um erfolgreich zu keimen und zu einem beeindruckenden Baum zu werden. Bei den frisch sprießenden Pflänzchen befindet sich der Stamm des Baums noch unter der Erde, erst später hebt sich die typische Krone der Ravenala in die Lüfte. Beim Wachstum ist die Ravenala Sinnbild des mora, mora – sinngemäß „immer mit der Ruhe“ – Madagaskars: Sie wächst langsam und bedächtig, gerade einmal 10 bis 15 Blätter pro Jahr treibt sie aus.

Durch seine auffallende Form und den vielfältigen Nutzen ist der Baum der Reisenden schnell zur Wappenpflanze Madagaskars geworden. Seit 1922 schmückt die Ravenala das offizielle Siegel Madagaskars mit ihren stilisierten Palmwedeln, und seit den 60er Jahren findet sich ihre Silhoette im Logo der staatlichen Fluggesellschaft Air Madagascar.

Der Legende nach kann der Baum der Reisenden übrigens sogar Wünsche erfüllen – aber natürlich nur Reisenden, die es wirklich bis nach Madagaskar schaffen.

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