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Die kleinen Waldgeister – Kalanoro

Viele Mythen und Legenden ranken sich um die Kalanoro, den kleinen Waldgeistern Madagaskars. Bei den Volksgruppen der Betsimisaraka, der Sakalava und der Bara heißt es, es handele sich um frühe Menschen ähnlich der legendären Vazimba. Die Tanala nennen sie Fahasivy. Kalanoro sind besonders klein, nicht einmal einen Meter groß. Trotz ihrer geringen Körpergröße sind sie ungewöhnlich stark. Ihre langen Haare tragen die Kalanoro nicht nur auf dem Kopf, sondern am gesamten Körper. Sie verleihen ihnen große magische Fähigkeiten. Die Augen der Kalanoro sollen im Dunklen rot glühen und furchtbar grimmig dreinschauen. Ihre Fingernägel sind lang, die Hände gekrümmt und an den Füßen sollen nur drei Zehen sein, die nach hinten gerichtet sind. Dadurch ist es sehr schwierig, einer Kalanoro-Spur zu folgen: Man läuft ihr immer in die falsche Richtung hinterher.

Noch heute sollen die Kalanoro auf Madagaskar leben – tief im Wald versteckt, sicher vor den neugierigen Augen der Menschen. Aber auch in Höhlen sollen sie laut den Antankarana und den Tsimihety vorkommen, überall auf der Insel verteilt. Nur in der Nacht kommen sie gelegentlich in die Dörfer. Hier nehmen sie sich einen Topf Honig, dort eine Kaktusfeige. Die meiste Zeit des Jahres leben die mystischen Wesen jedoch von den Früchten des Waldes und des Meeres. Manchmal soll man sie in der Regenzeit in Flüssen und Seen herumtollen sehen. Sie haben eine besondere Verbindung zur Natur, den Pflanzen und den Tieren, insbesondere Krokodilen, Aalen und Schlangen. Die Kalanoro sind menschenscheu und lassen sich nur selten blicken. Sie lieben jedoch die Wärme einer Feuerstelle in der kalten Trockenzeit. Und lassen sich gerne dazu verführen, an einer einsamen Feuerstelle vorbeizuschauen. Für die heutigen Menschen sind die mächtigen Waldwesen unsichtbar. Man sagt, dass ein Kalanoro nur dann sichtbar wird, wer er sich Fingern oder Zehen unter Felsbrocken eingeklemmt hat und feststeckt.

Leben Kalanoro in dieser Höhle?
Eingang zu weit verzweigten unterirdischen Höhlen im Süden Madagaskars – vielleicht leben hier noch Kalanoro?

Unter vielen Madagassen geht die Vorstellung um, die Kalanoro würden Kinder aus Dörfern weglocken. Um die Kinder zurück zu erhalten, müssen die Eltern dann bestimmte Dinge tun oder den Waldgeistern darbieten, beispielsweise Reis oder Rum. Um was genau es sich handelt bzw. was die Eltern tun müssen, wird mit Hilfe eines Mediums bei den Kalanoro erfragt. Das Medium kann ein Mann oder eine Frau sein, in die in einer Hütte von einem Tuch verborgen der Geist der Kalanoro fährt. Mit hoher, kindlicher Stimme spricht das Medium dann als Kalanoro und übermittelt deren Forderungen. Haben die Eltern den Wünschen der Kalanoro entsprochen, bekommen sie ihre Kinder zurück, in aller Regel in einer Höhle. Gleich mehrere dieser Vorfälle sollen sich in der Höhle von Andoboara im Nationalpark Ankarana zugetragen haben.

Ebenfalls ein Medium benötigt man, wenn man die Waldgeister gütig stimmen will oder sich für die Verletzung eines lokalen Fadys entschuldigen möchte. Die Kalanoro können außerdem bei Unfruchtbarkeit und der Auswahl geeigneter Heilkräuter gegen Krankheiten helfen. Hunde dürfen nicht bei einer Anrufung dabei sein. Sie können die Waldgeister sehen und davon abhalten, sich den Menschen durch das Medium zu zeigen. Wer kein Medium zur Verfügung hat, dem können die Kalanoro im Traum erscheinen und gute Ratschläge geben. Einige Betsileo glauben, dass die Kalanoro Säuglinge stehlen und durch ihresgleichen ersetzen oder die Kinder mit Flüchen belegen, um ihr Wachstum zu stoppen. Entsprechend werden kleinwüchsige Menschen häufig als „Kinder der Kalanoro“ bezeichnet.

Viele Abenteurer haben schon behauptet, lebendige Kalanoro gesehen zu haben. 1889 sollen Mitglieder der Royal Geographical Society London eine Kalanoro auf Madagaskar sogar gefangen haben. Durchsucht man jedoch die Archive der Gesellschaft, findet man nicht einmal eine Notiz darüber. Es scheint sich um eine urbane Legende zu handeln. 1924 berichtete der amerikanische Politiker und Abenteurer Chase Salmon Osborn von einem Pärchen Kalanoro, das er beim Sex beobachtet haben will. Einen Beweis für seine Sichtung konnte er nicht liefern.

Anjozorobe Weg im Wald
Verschlungene Wege in Anjozorobe… Wege der Waldgeister?

Wissenschaftler vermuten, dass die Legende der Kalanoro möglicherweise einen ganz realen Ursprung hat. Ausgestorbene, riesige Lemuren wie Hadropithecus stenognathus, Archaeolemur majori oder Archaeolemur edwardsi könnten das Vorbild für die geheimnisvollen Kreaturen gewesen sein. Sie lebten am Boden und waren deutlich größer als die heutigen Indris. Diese Lemuren könnte man also durchaus mit sehr menschlichen Wesen verwechselt haben.

Auf den Inseln Südostasiens, von wo die ersten Menschen auf Madagaskar stammten, existieren übrigens ähnliche Waldwesen. Auf Sumatra in Indonesien beschreiben Menschen immer wieder die Existenz kleiner, haariger Orang Pendek. Von den Salomon-Inseln südöstlich von Neuguinea sind ganz ähnliche Wesen bekannt, die alle klein und besonders haarig sein sollen. Auf der Insel Guadalcanal kennt man die Mumulou, auf der Insel Makira die Kakamora, auf der Insel Maramasike die Moka, Mola oder Mumu. Aus dem Kongo – vom afrikanischen Festland – gibt es Sichtungen der Kakundakari. Ob es sich dabei tatsächlich um Fabelwesen wie die Trolle in Europa handelt oder vielleicht doch um frühe Menschen wie den Homo floresiensis in Indonesien ist heute noch nicht geklärt. Madagaskar bewahrt mit den Kalanoro vielleicht noch eines seiner vielen ungelüfteten Geheimnisse.

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