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Ein Leben für Backsteine

Ein rotes Haus, erbaut aus Backsteinen, zweistöckig, mit Holztüren und unverglasten Fenstern: Ein vollkommen üblicher Anblick im zentralen Hochland Madagaskars. Fast alle Häuser zwischen den vielen gelb leuchtenden Reisfeldern sind aus roten Backsteinen erbaut und mit Lehm verputzt.

Mit den Europäern kam im 19. Jahrhundert auch das Wissen um die Herstellung von Backsteinen nach Madagaskar. Man schreibt es heute dem englischen Missionar James Cameron sowie dem französischen Unternehmer Jean Laborde zu, dass Ziegelbrennereien eine solche Verbreitung fanden. Seitdem hat sich auf der Insel kaum etwas geändert in der Arbeit mit Ton und Lehm. Heute leben immer noch ganze Familien von diesem Handwerk.

Ziegelstein Hausbau
Typischer Hausbau im Hochland Madagaskars

In der Trockenzeit von Mai bis Oktober werden die Deiche rund um die vielen Reisfelder im Hochland zu Backstein-Fabriken umfunktioniert: Die ton- und laterithaltige Erde wird aus den Reisfeldern gesammelt und eimerweise auf trockenen Boden geschleppt. Mit Flusswasser gemischt ergibt sich eine Art formbarer Lehm daraus. Ein selbst gebautes Holzgitter dient als Passform, in die der Lehm gedrückt und festgeklopft wird. Die Backsteine werden dann fein säuberlich einer neben dem anderen auf dem trockenen Gras ausgebreitet, die Sonne tut nun ihren Dienst und trocknet alles. Nur ganz wenige Handwerker, die sich etwas mehr leisten können, besitzen eine alte kleine Maschine, mit der sich etwas einfacher arbeiten lässt.

Die getrockneten Backsteinvorläufer werden dann zu Hunderten und Tausenden auf- und übereinander gestapelt. Gut einen Monat dauert allein dieser Arbeitsschritt. Die riesigen Backsteinstapel bilden Öfen, mit Löchern in der Mitte und im Boden für Feuerholz. Außen werden die Backsteine mit Lehm beschmiert, um die Hitze im Inneren zu halten. Mit dieser Technik lassen sich mehrere Zehntausende Steine gleichzeitig backen. Allerdings benötigt man langjährige Erfahrung für die richtige Brenntemperatur, sonst zerspringen die Backsteine und die wochenlange Arbeit war vergebens. Wer ganz sicher gehen will, dass alles gut geht, platziert einen kady, eine Hand voll bestimmter Kräuter, auf der Spitze des Backsteinberges, und opfert etwas Pfeffer und Rum, um die Ahnen wohlgefällig zu stimmen.

Ziegelsteinmauer im südlciehn Hochland
Ziegelsteinmauer im südlichen Hochland

Man nennt die Männer, die sich um dieses Handwerk kümmern, mpanao briky, zu Deutsch ganz einfach Backsteinarbeiter. Frauen findet man in diesem Gewerbe auf Madagaskar nicht, es ist fady (tabu, verboten), sie während des Brennens in der Nähe zu haben. Ein geübter mpanao briky kann pro Tag 200 bis 400 Backsteine formen. Für einen Backstein bekommt man rund 15 Ariary, das sind weniger als 1 Cent – 100 Backsteine kosten damit etwa 50 Cent. Der niedrige Preis erklärt sich durch das geringe Einkommen des größten Teils der Bevölkerung und die Wichtigkeit der Familie auf Madagaskar. Wer eine große Familie hat, der möchte auch ein Haus für seine Lieben bauen. Trotzdem kann ein Haus nur der bauen, der über genügend Geld verfügt – das Backsteinhaus ist immer noch ein Symbol für Wohlstand.

Kauft man auf Madagaskar ein Stück Land für das zukünftige Familienhäuschen, ist meist erstmal kein Geld für den Hausbau übrig. Damit in der Zwischenzeit, bis wieder genug Geld da ist, kein anderer auf dem gekauften Gelände baut oder gar Ackerland daraus macht, zieht man so bald wie möglich nach dem Kauf eine Mauer um das Gelände. Und diese Mauer ist, wie könnte es anders sein, fast immer aus Backsteinen. Je nach finanzieller Lage des Grundstücksbesitzers kann es passieren, dass über Jahre nur eine nackte Backsteinmauer ein ganzes Grundstück ziert, bevor der erste Spatenstich für ein Haus getan wird.

Ziegelsteine in Antananarivo, am Straßenrand gestapelt zum Verkauf
Ziegelsteine in Antananarivo, am Straßenrand gestapelt zum Verkauf

Natürlich hat die Backsteinherstellung auch Nachteile: So ist sie maßgeblich an der Abholzung der gesamten Regenwälder des zentralen Hochlandes während der letzten 200 Jahre beteiligt. Wo früher dichte Wälder standen, ist heute gähnende Leere. Und eine Menge Reisfelder. Das Holz wurde gebraucht, denn irgendwie müssen die Backsteinöfen angefeuert werden. Entnimmt man dem Boden zu viel der lehmhaltigen Erde, kann irgendwann auch kein Reis mehr darauf gepflanzt werden, der Boden wird nutzlos und liegt brach. Dazu kommt, dass die Qualität der von Hand gefertigten Backsteine oft fragwürdig ist. Dem entgegen steht der einfache Hausbau und die verhältnismäßig geringen Kosten eines Backsteinhauses. Das natürliche Material hält außerdem in der kühleren Trockenzeit die Wärme im Haus und isoliert in der warmen Regenzeit gegen die stechende Sonne. Und es ist nicht schädlich für die Bewohner – Asbest-Probleme beispielsweise kennt man auf Madagaskar nicht.

Es ist letztlich ein harter Job, der nicht viel Geld bringt. Doch er sorgt für das wichtigste im Leben eines Madagassen und vieler anderer Menschen auf der Welt: Für ein Zuhause und die eigene Familie.

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