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Die Anfänge des Königreichs der Merina

Den Überlieferungen nach war der erste König des Volkes der Merina Andrianerinerina (andrian = König, Nerinerina = sein eigentlicher Name). Er soll aus dem Himmel gekommen sein und sich das legendäre Volk der Vazimba untertan gemacht haben, woraus später das Volk der Merina hervorgegangen sein soll.

Ihm folgten in seiner Regentschaft der Überlieferung nach die Königinnen Andriananjavonana, Andrianamponga I., Andrianamboniravina, Andranolava, Rafandrandava, Ramasindohafandrana, Rafandrampohy und Rafandramenitra. Schriftliche Belege von den Königen der Merina existieren erst ab dem 16. Jahrhundert. Die 1520 zur Regentin gekrönte Tochter des zuletzt genannten Königs, Königin Rangitamanjakatrimovavy, herrschte zehn Jahre über das Volk der Merina im zentralen Hochland Madagaskars. Der von ihr gewählte Königssitz war Imerimanjaka, einer der zwölf heiligen Hügel der Imerina. 1530 kam nach ihrem Tod Rangitas Tochter Rafohy an die Macht, die eine Vazimba gewesen sein soll. Einige Quellen behaupten, Rafohy sei nicht die Tochter, sondern eine adoptierte Schwester Rangitas oder gar Rangitas Mutter gewesen. Da die Verwandschaftsverhältnisse der Königshäuser jedoch stets eng verworren waren, bleiben die genauen Verhältnisse bis heute unklar. Königin Rafohy regierte zehn Jahre lang auf einem weiteren heiligen Hügel der Imerina, Alasora, der heute auch das älteste Dorf der Imerina beherbergt. Ihr zweiter Ehemann, Manelobe, soll vom Volk der Hova gekommen sein, die ursprünglich aus dem Südosten Madagaskars stammten und zu dieser Zeit begannen, im zentralen Hochland zu siedeln. Von ihm bekam Rafohy eine Tochter und zwei Söhne, Rafotsindrindramanjaka, Andriamananitany und Andriamanelo.

Andriamanelo Grab in Alasora
Grab von Andriamanelo auf dem Hügel Alasora,
CC BY-SA 3.0 Lemurbaby

1540 wurde Rafohy von ihrem Sohn Andriamanelo abgelöst. Er war damit der erste männliche König der Merina, die bisher in der Tradition der Vazimba stets eine Königin gehabt hatten. Sollte der ältere der beiden Brüder sterben, würde das Recht auf die Krone automatisch an den jüngeren Bruder fallen. Andriamanelo wird heute als Begründer des Königreichs der Merina angesehen. Er vertrieb die Vazimba in Richtung Westen und erweiterte sein Königreich, das bisher nur den Hügel Alasora einnahm, auf den heiligen Hügel Imerimanjaka im Norden. Während des mehrere Jahrzehnte andauernden Krieges gegen die Vazimba wurden erstmals eiserne Speerspitzen eingesetzt, eine Neuerung und entscheidener Vorteil im Krieg der damaligen Zeit. Alasora wurde außerdem mit Gräben (hadivory und hadifetsy) umgeben und mit einem großen steinernen Tor (vavahady) versehen, um die Bewohner leichter schützen zu können. Mit Andriamelo werden außerdem die Ursprünge der Beschneidungsrituale der Jungen, die traditionelle Hochzeit vodiondry und die Astrologie, sikidy, verbunden. Des Weiteren soll er erstmal einen Adelsstand, die andriana, eingeführt haben. Insgesamt wird er als für seine Zeit sehr fortschrittlicher König gesehen. Er ließ die ersten der heute das Hochland prägenden Reisfelder anlegen.

Um seinem Königreich einen weiteren heiligen Hügel zuzuführen, heiratete Andriamanelo eine Cousine mütterlicherseits namens Ramaitsoanala. Sie war die Tochter des Astrologen Rabiby und dessen Frau Ivorombe, die bis dahin über den heiligen Hügel Ambohidrabiby herrschten. Ramaitsoanala nannte sich fortan Randapavola, später wurde sie als Königin Rasolobe bekannt. Mit dem Tod Rabibys fiel sein Land König Andriamanelo zu. Die Ehe Rasolobes und Andriamanelos stand jedoch unter keinem guten Stern. Sechs Geburten endeten mit dem frühen Tod des Kindes, und nur ein Sohn, Ralambo, erreichte das Erwachsenenalter.

Andriamanelos eigener Bruder fiel derweil durch provokative Bauten seiner Ansicht nach „Gott gegebener“ Dörfer auf und tat öffentlich kund, die vorgesehene Thronfolge umkehren zu wollen. Daraufhin wurde er von Gesandten der Hova getötet, vermutlich auf Anweisung seines Bruders. Der verwaiste Sohn Andriamananitanys wurde danach mit Andriamanelos Schwester verheiratet. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor, die wiederum als zweite Ehefrau mit Andriamanelos einzigem Sohn Ralambo verheiratet wurde. Wie man schon an diesen wenigen Generationen erkennen kann, waren Heiraten innerhalb der gleichen Familie Normalität – sie wahrten Besitzansprüche und sicherten die Hoheit des Königs.

Grab von Ralambo auf dem Hügel Imerimanjaka CC BY-SA 3.0 Lemurbaby
Grab von Ralambo auf dem Hügel Imerimanjaka
CC BY-SA 3.0 Lemurbaby

Ralambo wurde mit dem Tod Andriamanelos 1575 neuer König der Merina. Er baute sein Königshaus auf dem Hügel Ambohidrabiby, der damit zur Hauptstadt des Königreiches wurde. Von ihm ist das erste Mal der Name „Imerina“ für das zentrale Hochland überliefert. Ralambo führte unzählige Kriege und Angriffe auf umliegende Königreiche und rief die erste Armee der Merina zusammen. Viele Legenden erzählen heute noch von seinen gewieften Taten: So überlistete er einst die Betsimisaraka, die nachts das Königreich angreifen wollten, im Schlaf bei Mandamako und lehrte einer Gruppe Soldaten mit einem einzelnen Gewehr so sehr das Fürchten, das diese in den Fluss Ikopa sprangen und ertranken. Ein anderes Mal soll er einen König der Vazimba zu einem Wettstreit herausgefordert und in dessen Abwesenheit sein Dorf niedergebrannt haben. Anlässlich Ralambos Geburtstages am Ersten jeden Jahres wurden Festlichkeiten eingeführt, die als fandroana in die Tradition des Landes eingingen, und erstmals gab Ralambo die Anweisung, dass Zebufleisch genießbar für die Merina sei. Innerhalb der Adeligen (andriana) führte Ralambo vier weitere Klassen ein.

Ende des 16. Jahrhhundert begannen die Sampy zunehmend eine Rolle zu spielen. Sampy waren spirituelle Gegenstände, meist aus verschiedenen Materialien wie Tierzähnen, Holz und Metall zusammengesetzt, denen besondere magische Kräfte zugeschrieben wurden. König Ralambo ließ sich die zwölf mächtigsten Sampy der umliegenden Regionen bringen und sorgte damit für eine Stärkung des Herrschaftsrechtes der Merina. Er besaß Kelimalaza, dass ganze Soldatentruppen auslöschen konnte, sowie Manjakatsiroa, das den König vor bösen Menschen beschützen sollte. Außerdem zählten Ramahavaly, das Schlangen befehlen konnte, und Rafantaka, das vor Tod und Krankheit schützen sollte, zu seinem Besitz. Von nun an beschützten die Sampy nicht Dörfer wie vormals, sondern das Königreich der Merina und deren Regenten, solange sie entsprechend geehrt wurden. Die Sampy stammten ursprünglich alle vom Volk der Antaimoro, ausgenommen Mosasa, das vom Volk der Tanala kam.

Ein Sampy aus dem Museum der London Missionary Society
Ein Sampy aus dem Museum der London Missionary Society

Ralambo heiratete vier Frauen, mit denen er insgesamt drei Töchter und zwölf Söhne bekam. Zu Gunsten des erstgeboren Sohnes mit Rasolobe, Andrianjaka, wurde sein eigentlich ältester Sohn in der Thronfolge übergangen und Andrianjaka 1612 zum König der Merina. Der übergangene Bruder forderte zwar den Thron öffentlich ein, wurde jedoch vom Volk abgelehnt. Bereits bevor er selbst König wurde, hatte Andrianjaka maßgeblich zu den militärischen Erfolgen seines Vaters beigetragen. Schon als junger Mann heiratete er Ravadifo, eine Tochter des Prinzen Andriampanarivomanjaka. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.

Mit seiner Famile zog der neue König auf den heiligen Hügel Amobhimanga und machte diesem damit zum Mittelpunkt des Königreiches. Andrianjaka wandelte die Sampys während seiner Regentschaft zu Odys, also seinen persönlichen Talismanen, um. Sie galten fortan als die zwölf Sampin’andrian, königliche Sampys. Andere Sampys wurden verbrannt oder anderweitig vernichtet. Die zwölf Hügel, auf denen das Königreich der Imerina zu diesem Zeitpunkt aufbaute, wurden von Andrianjaka heilig gesprochen und damit spiritueller Mittelpunkt des Königreiches. Jedem Hügel wies er einen Clan zu. Als erster König der Merina empfing Andrianjaka Europäer in seinem Königreich und tauschte Sklaven gegen Waffen ein. Im Zuge seiner steigenden Macht änderte Andrianjaka auch das Gottesurteil ab. Bis dahin wurde dem Hahn eines Beschuldigten Gift eingeflößt, und das Überleben des Tieres entschied über die Schuld seines Besitzers. Andrianjaka führte ein, dass nicht ein Tier, sondern der Beschuldigte selbst das Gift einzunehmen hatte.

Andrianjakas Grab auf dem Hügel Ambohimanga
Andrianjakas Grab auf dem Hügel Ambohimanga

König Andrianjaka verfügte unter anderem, dass keine Frauen mehr König werden durften. Auch wenn bereits die letzten Könige alle männlich gewesen waren, stellte dies einen deutlichen Bruch mit der früheren Tradition dar, die jedoch von den Vazimba stammte und daher nicht mehr für die Merina in Frage kam. Andrianjaka soll die Vazimba denn auch endgültig aus dem Hochland vertrieben haben und nahm mit rund 1000 Soldaten durch bloße Übermacht den Hügel Analamanga ein, den schon sein Großvater hatte regieren wollen. Auf der Spitze des höchsten der zwölf Hügel erbaute er den Rova, und gründete eine neue Stadt darunter, die er Antanananrivo (Stadt der Tausend) nannte. Der Rova steht heute noch an dieser Stelle mitten in der Hauptstadt Madagaskars, auch wenn er abgebrannt und wieder aufgebaut wurde. Um 1630 starb der König. Er wurde als erster auf dem Gelände des Rova beerdigt

Sein Nachfolger wurde Andrianjakas Sohn Andriantsitakatrandriana. Um die größer werdende Bevölkerung ernähren zu können, verfügte er den Bau weiterer Reisterassen und nutzte dafür vor allem die Sümpfe von Betsimitatratra rund um den Hügel von Analamanga. Andriantsitakatrandriana heiratete zwei Frauen, Ravololontsimitovy und Rafoloarivo. Nach einer durch den König selbst vereitelten Zeremonie zur Stärkung der Machtstellung seines Sohnes jagte er seine zweite Frau mit ebendiesem aus dem Königreich. Viel mehr ist von seiner Regentenzeit nicht bekannt, und nach rund 20 Jahren als König starb Andriantsitakatrandriana bereits.

Ambohimangas Palastanlage heute

Als Nachfolger kam 1650 sein Sohn Andriantsimitoviaminandriandehibe (der Adelige, der keine Vergleichbaren unter den Adeligen hat) an die Macht. Er heiratete drei Frauen, Ratompoimbahoaka von Ambohimalaza, Prinzessin Ramahafoloarivo (seine eigene Nichte) und Prinzessin Rafaravavy. Der König teilte sein Reich in einen nördlichen und südlichen Bereich, getrennt vom Fluss Ikopa. Er beauftragte zwei seiner Söhne mit der Aufsicht über den Ausbau der Reisterassen, die sich daraufhin gegenseitig in Schnelligkeit und Qualität der Felder überbieten versuchten. Zwar erwies sich der jüngere Andrianjakanavalonadambo als schneller, doch zum Thronfolger wurde der ältere Razakatsitakatrandriana ernannt, der damit die Herrschaft über Antananarivo, Ambohidrabiby und Ambohimanga gewann. Der König gab seinem jüngeren Sohn den Rat, auf seine Zeit zu warten und geduldig zu sein, was dieser auch befolgte. Er gab sich mit Alasora und fünf anderen Hügel zufrieden.

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