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Madagaskars Kampf um Unabhängigkeit

Im Jahre 1946 wurde Madagaskar zum offiziellen Übersee-Gebiets und damit zu einem Teil des Staates Frankreichs erklärt. Rund 35.000 Franzosen lebten zu diesem Zeitpunkt bereits in Madagaskar. Im gleichen Jahr gründete sich die Partei „Mouvement démocratique de la rénovation malgache“ (MDRM). Sie setzte sich dafür ein, Madagaskar als unabhängiges Land innerhalb der Französischen Union geltend zu machen sowie mehrere Abgeordnete im französischen Parlament zuerkannt zu bekommen. Letztere bekamen sie im November des gleichen Jahres in Gestalt von Joseph Raseta, Joseph Ravoahangy und Jacques Rabemananjara tatsächlich. Die ersten beiden waren die Madagassen gewesen, die bereits zwei Jahre zuvor an der ersten, konstituierenden Nationalversammlung teilgenommen hatten. Sie schlugen vor, Madagaskar für unabhängig zu erklären, was aber von der übrigen Nationalversammlung Frankreichs abgelehnt wurde. Der Kolonialminister Marius Moutet war über den Vorschlag so entzürnt, dass er der madagassischen Unabhängigkeitsbewegung offiziell den Krieg erklärte. Die USA kritisierten dieses Vorgehen, zogen jedoch keinerlei Konsequenzen daraus.

Ravoahangy, Raseta und Rabemananjara (von links nach rechts)
Ravoahangy, Raseta und Rabemananjara von links nach rechts © by NFCC#4, fair use

Als Gegenbewegung zur MDRM der Merina hatte sich derweil im Osten Madagaskars die PADESM (Parti des déshérités de Madagascar, übersetzt „Partei der Enterbten Madagaskars“) gegründet, zu der mehrheitlich Küstenvölker sowie ehemalige Sklaven der Merina gehörten. Am 27. März 1947 gaben Raseta, Ravoahangy und Rabemananjara eine gemeinsame Erklärung ab, die die Öffentlichkeit um Ruhebewahrung bat, um die Politik der MDRM und damit einen friedlichen Weg zur Unabhängigkeit Madagaskars nicht zu gefährden.

Am Abend des 29. März 1947 begannen Madagassen im Osten und Südosten Madagaskars, sich gegen ihre Besetzer zur Wehr zu setzen. In Moramanga drangen sie in eine Polizeiwache ein und stürmten Plantagen in Manakara und entlang des Flusses Faraony. Die Aufständischen nahmen auch Madagassen gefangen, die für die Kolonialmacht Frankreich arbeiteten. Maßgeblich beteiligt an den geplanten Überraschungsangriffen waren die Untergrundorganisationen Vy Vato Sakelika (VVS) und JINA. Die Bewegung gegen Frankreich zählte zu Beginn knapp 2000 Madagassen. Schnell erfuhr sie regen Zulauf aus dem Süden Madagaskars, und die Zahl der Aufständischen verzehnfachte sich innerhalb kürzester Zeit. Bereits im April reichte der Aufstand bis nach Fianarantsoa in den Süden und über die Hauptstadt Antananarivo im zentralen Hochland bis zum See Alaotra nördlich davon. Über 200 französische Soldaten waren bis dahin getötet worden, und die Aufständischen hatten rund zwei Drittel des Landes unter ihre Kontrolle gebracht.

Widerstandskämpfer
Gefangen genommener madagassischer „Aufständischer“ 1947

Zu Beginn der Aufstände unterstützte Frankreich aus strategischen Gründen die PADESM, die prompt die MDRM als Drahtzieher der Aufstände denunzierte. Ab Mai 1947 ging Frankreich dann mit Waffengewalt gegen die spärlich mit traditionellen Speeren und Buschmessern bewaffneten Madagassen vor. Die zu Beginn des Aufstandes rund 8.000 französischen Soldaten wurden auf 18.000 Mann aufgestockt und Junkers JU 52-Flugzeuge eingesetzt, um die Aufständischen in den von ihnen besetzten Gebieten mit Bombenangriffen zu demoralisieren. In den kriegsähnlichen Zuständen kam es immer wieder zu Massenexekutionen, Folter, Vergewaltigungen und anderen Kriegsverbrechen an unzähligen Menschen, darunter größtenteils Zivilbevölkerung.

Am 06. Mai 1947 kam es in Moramanga östlich der Hauptstadt zu einem Massaker. Madagassische Aktivisten hatten unbewaffnet drei Zug-Waggons gestoppt, in denen 166 madagassische Gefangene festgehalten wurden. Aus Angst vor einem Befreiungsversuch schossen französische Soldaten mit Maschinengewehren in Waggons und töteten zwischen 120 und 160 Madagassen. In Mananjary wurden gefangen genommene Madagassen lebend aus einem Flugzeug geworfen, und während eines weiteren Massakers in Mananjary wurden ebenfalls Hunderte Madagassen getötet. In Farafangana und Manakara kam es zu ähnlichen Vorfällen. Auch Frauen und Kinder zählten vielerorts zu den getöteten Madagassen. Zu Gerichtsverhandlungen kam es nur für einen Bruchteil der Aufständischen, und etliche Verdächtigte wurden schlicht in ein Gefangenenlager auf die Insel Nosy Lava verschleppt. Den Schusswaffen der Franzosen hatten die Madagassen nichts entgegenzusetzen.

befreite madagassische Soldaten 1945
Befreite madagassische Soldaten mit Missionaren, © by Défap Bibliothéque

Ende Juli 1947 erreichten fünf Truppen aus dem Senegal Madagaskar, um Frankreich zu unterstützen. Die Truppengröße des Besetzerlandes war inzwischen auf 30.000 Soldaten angewachsen, darunter Fremdenlegionäre und die sogenannten „Tirailleurs“, Infanterie aus anderen französischen Kolonien (Senegal, Komoren). General Joseph Gallieni verfolgt die „Ölfleck“-Taktik, bei der Truppen innerhalb einer bestimmten Gegend konzentriert werden, und sich dann – wie ein Ölfleck – langsam ausbreiten.

Bis in den Oktober hinein reichten mehrere offizielle Gerichtsverhandlungen in Antananarivo, bei denen vor allem Obere der MDRM angeklagt waren. Joseph Ravoahangy und Joseph Raseta sowie vier weitere Parteiangehörige, allesamt selbst nicht aktiv an den Ausschreitungen beteiligt, wurden zum Tode verurteilt. Ihre Immunität als Abgeordnete der Nationalversammlung Frankreichs wurde kurzerhand ignoriert. Im Anschluss verbot die französische Kolonialregierung die Partei MDRM.

Im November 1948 wurde der letzte Rückzugort der Aufständischen, genannt Tsiazombazaha („keine Europäer“) von Franzosen niedergeschlagen. Bereits einen Monat später wurde Hochkomissar Pierre de Chevigné mit den Worten zitiert, dass nicht ein einziger Quadratzentimeter Madagaskars sich der französischen Macht entziehen könnte.

Knapp 5.800 madagassische Gefangene wurden vor dem französischen Gericht angeklagt, 129 davon wurden zum Tode verurteilt. Der Aufstand hatte in etwas mehr als einem Jahr geschätzt 90.0000 Menschen, die meisten davon Madagassen, das Leben gekostet. In den 40er Jahren entsprach dies über 2% der Gesamtbevölkerung des Landes. 1950 korrigierte Frankreich die Zahl der Toten auf offiziell exakt 11.342 – wie sie diese gezählt haben wollten, blieb offen. Ein französischer Historiker ging von maximal 40.000 Todesopfern aus. Andere Historiker jedoch gehen inzwischen von bis zu 200.000 Toten aus, von denen rund ein Drittel zwischen den Fronten der Aufständischen und der französischen Kolonialmacht aus ihrer Heimat vertrieben wurde und auf der Flucht an Unterernährung oder Tropenkrankheiten starben. Auf französischer Seite fielen etwa 550 Menschen, und rund 1.900 Anhänger der PADESM ließen ebenfalls ihr Leben.

Im Juli 1949 wurden die ursprünglich für Ravoahangy und Raseta angesetzten Todesstrafen in Haftstrafen umgewandelt. Zwei Jahre später ließ der französische Staatspräsident Francois Mitterand verlauten, „die Zukunft Madagaskars sei untrennbar mit der Frankreichs verbunden“. Die Unabhängigkeit Madagaskars schien in weite Ferne gerückt. Erst 1957 wurden die letzten Gefangenen des 1947er-Aufstandes befreit – die angeblichen Köpfe des Aufstandes jedoch nicht. Bis heute ist jedoch ungeklärt, wer tatsächlich Anführer oder Kopf der Aufstände war.

1956 wurde dann doch das loi-cadre Deferre verabschiedet, ein Gesetz zur Reform der französischen Überseegebiete auf Initiative des gleichnamigen Ministers. Damit konnte das allgemeine Wahlrecht auf Madagaskar eingeführt werden, das bis dahin ausschließlich für französische Bürger galt. Außerdem war es damit möglich, eine eigene madagassische Regierung zu bilden. Das Gesetz war der erste große Schritt zur Unabhängigkeit Madagaskars.

Feiern am Unabhängigkeitstag 1960, © by Polaert (GNU License)
Feiern am Unabhängigkeitstag 1960,
© by Polaert (GNU License)

1958 entschieden sich die Madagassen in einer offiziellen Abstimmung für die Autonomie ihres Landes. Daraufhin wurde Madagaskar am 14.10.1958 zum autonomen Staat innerhalb der französischen Gemeinschaft erklärt. 1959 wurde die erste Verfassung der Republik Madagaskar verabschiedet, und es kam zu den ersten Wahlen in der Geschichte des Landes. Sie fanden 1958 statt. Neuer und damit erster Präsident Madagaskars wurde am 01.05.1959 Philibert Tsiranana (PSD). Er wurde bei den Wahlen und auch später maßgeblich von Frankreich unterstützt. Am 26.06.1960 erklärte sich Madagaskar für unabhängig vom ehemaligen Kolonialherrscher Frankreich – heute ist der 26. Juni ein nationaler Feiertag auf der Insel. Erst sechs Jahre später wurde der 29. März zum nationalen Gedenktag für den Aufstand von 1947 erklärt.

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