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Das Brutblatt: Kalanchoe daigremontiana

Im Süden Madagaskars gedeiht so manches sonderbare Gewächs. An das extrem trockene und heiße Klima können sich eben nur sehr spezielle Pflanzen anpassen. Eine davon ist das Brutblatt, mit wissenschaftlichem Namen Kalanchoe daigremontiana. Unklar ist bis heute, ob die Art der Gattung Kalanchoe zugeordnet werden sollte oder der Gattung Bryophyllum. Es fehlt noch an weiterer Forschung, um diese Frage abschließend zu klären.

Das erste Mal wissenschaftlich beschrieben wurde die Pflanze im Jahr 1914 von zwei französischen Botanikern namens Raymond-Hamet und Perrier de la Bâthie. Sie widmeten den Namen der neu beschriebenen Pflanze den Eheleuten Daigremont, die ebenfalls Mitglied der damaligen Botanischen Gesellschaft Frankreichs waren.

Herunter gefallene Kindel bilden sofort Wurzeln aus und wachsen als neue Pflanze an

Das Brutblatt wächst vor allem in der Regenzeit, die im Süden Madagaskars mit nur wenigen Monaten sehr kurz ausfällt. Bis zu anderthalb Meter hoch kann es bei guten Bedingungen wachsen, auf Madagaskar bleibt es meist etwas kleiner. Die dreieckig zugespitzten Blätter sind dickfleischig und auf der Oberseite grün, unten violett gefleckt. Sie dienen als Wasserspeicher der Pflanze. Die Blattränder des Brutblatts sind voller kleiner Kerben, die eine besondere Funktion aufweisen. An den Spitzen der gekerbten Blattränder bildet das Brutblatt unzählige Brutknopsen, sogenannte Kindel. Diese kleinen Pflanzenableger fallen bei der kleinsten Berührung der Mutterpflanze zu Boden und bilden dort direkt neue Pflanzen. Das Brutblatt hat dadurch die Möglichkeit, sich auch in schlechten Jahren, wenn kaum oder gar kein Regen fällt, trotzdem zu vermehren. Wegen der einfachen Vermehrung wird das Brutblatt auch außerhalb Madagaskars gerne als Zimmerpflanze gepflegt. Außerdem wurde sie in einige Länder durch Menschen eingeschleppt, zum Beispiel in Brasilien, Venezuela und Südafrika.

In guten Regenzeiten blüht Kalanchoe daigremontiana. Ein langer Stiel wächst aus der Mitte der Pflanze nach oben und öffnet wie ein Regenschirm eine Vielzahl wunderschöner, zum Boden zeigender, roter Blüten. Wird die Pflanze befruchtet, bildet sie pro Blüte vier winzige Balgfrüchte aus. Mit diesen fallen später Samen zu Boden, die weniger als einen Millimeter groß sind. Das Wasser der Regenzeit zersetzt die Frucht und spült die Samen in den Sand, wo sie austreiben und zu einer eigenständigen Pflanze heranwachsen. Sobald es wieder trocken wird im Süden Madagaskars, muss das Brutblatt aus dem Wasserspeicher seiner Blätter zehren. Es kann über Monate ganz ohne Regen auskommen.

Blüten von Kalanchoe daigremontiana, CC BY-SA 3.0 C T Johansson

Um trotz der widrigen Bedingungen Photosynthese betreiben zu können, hat das Brutblatt sich etwas einfallen lassen. Bei der sogenannten CAM-Photosynthese (Crassulacean Acid Metabolism) wird vor allem nachts CO2 aufgenommen. Es wird als Malat zwischengespeichert und erst am Tage abgebaut, wobei Sauerstoff an die Umgebung abgegeben wird. Durch die Zwischenspeicherung sinkt der pH-Wert in den Blättern der Pflanze in der Nacht in den sauren Bereich und steigt erst tagsüber wieder an.

Auf Madagaskar wird mangels Verfügbarkeit moderner Medizin gerade im Süden noch viel mit traditionellen Heilpflanzen gearbeitet. Das Brutblatt gilt als Heilpflanze gegen zu früh einsetzende Wehen bei schwangeren Frauen und wird bei Unfruchtbarkeit genutzt. Dabei ist der Einsatz nicht ungefährlich, denn wie viel des giftigen Steroids Daigremontianin die genutzten Blätter der Pflanze enthalten, ist bei jeder Pflanze anders. Die Giftmenge ist von Standort, verfügbarem Wasser, der individuellen Pflanze und der Saison abhängig. Daigremontianin kann bei zu hoher Konzentration zu Herz- und Nierenversagen führen. Es ist nur eines von fünf Bufadienloiden, die von Kalanchoe daigremontiana bekannt sind.

In seiner Heimat Madagaskar findet man Kalanchoe daigremontiana vor allem entlang des Flusses Fiherenana. Er entspringt am südwestlichen Rand der Ihorombe-Ebene, in der auch der Nationalpark Isalo liegt. Nahe der Küstenstadt Toliara (französisch Tuléar) fließt der Fiherenana in den Kanal von Mosambik. Wer während seiner Reise nicht so viel Zeit hat, die Pflanze selbst zu suchen, kann auch das Arboretum Antsokay nahe Toliara aufsuchen. Dort wird die Pflanze seit Jahren erfolgreich gepflegt.

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