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Kein Leben ohne Krakenkaktus: Larvensifakas

Der Larvensifaka (Propithecus verreauxi) lebt im Süden Madagaskars und gehört zu den wenigen Lemuren, die die heißen und lebensfeindlichen Dornwälder erfolgreich besiedeln. Er ist eine sehr anpassungsfähige Art, die sogar in sehr kleinen Waldgebieten noch überleben kann. Selbst in einigen Tieflandregenwäldern im Südosten des achten Kontinents ist er zu finden. Im Nordwesten wird das Verbreitungsgebiet der Larvensifakas vom Tsiribinha, einem großen Fluss, begrenzt.

Larvensifaka in Zombitse
Junger Larvensifaka mit sehr dunklem Fell in Zombitse

Im Südosten der großen Insel kommen sie bis zu den Dornwäldern Mangatsiakas im Andohahela Nationalpark vor. Dazwischen liegen die Nationalparks Isalo, Tsimanampetsotsa, Kirindy-Mitea sowie Zombitse-Vohibasia und die Reservate Andranomena, Kirindy und Beza-Mahafaly. Zusätzlich existieren Larvensifaka-Gruppen in den privaten Naturreservaten von Analabe und Berenty sowie in vielen kleinere, nicht geschützten Habitaten. In Nahampoana wurden sie, obwohl ursprünglich dort nicht vorhanden, privat erfolgreich angesiedelt.

Ein ausgewachsener Larvensifaka hat eine Körperlänge von 42 bis 45 cm, wobei der Schwanz zusätzliche bis zu 60 cm ausmacht. Das durchschnittliche Körpergewicht liegt bei 3,5 kg mit wenigen 100 Gramm Unterschied zwischen den Geschlechtern. Larvensifakas sind von anderen Lemuren leicht durch ihr weißes, dichtes Fell mit braunen Abzeichen auf dem Kopf zu unterscheiden. Einige wenige Individuen sind fast vollständig weiß, einige in Zombitse mehr schwarz. Sehr ähnlich sieht ihnen der Coquerel-Sifaka, der früher als gleiche Art galt. Bei den Coquerel-Sifakas reicht das rotbraune Fell jedoch auch über Brust, Bauch und Extremitäten, wodurch man die beiden Arten leicht auseinander halten kann.

Auf dem Boden springender Larvensifaka
Auf dem Boden springende Larvensifaka-Mama mit Baby, Andohahela

Larvensifakas passen alle ihre Lebensgewohnheiten der Hitze des Südens an. Sie nutzen die kühleren frühen Morgenstunden und den späten Nachmittag zur Futtersuche, um den Rest des Tages ruhen zu können. Auf dem Speiseplan stehen vor allem Blätter. Wenn die Trocken- und Dornwälder in der kurzen Regenzeit ab November für einen Moment blühen und grünen, nutzen die Larvensifakas das reiche Nahrungsangebot aus und verköstigen sich mit Früchten und Blüten. Ergänzt wird das Angebot durch Samen, seltener Baumrinde, Totholz und Termitenbau-Erde. Larvensifakas sind verspielte, soziale Tiere, die in Gruppen von zwei bis 14 Individuen leben. Im Gegensatz zu anderen Arten findet man bei ihnen immer wieder Harem-artige Strukturen. Wie bei fast allen Lemuren sind stets Weibchen die Chefs im Ring sind. Jede Gruppe bewohnt ein Revier von rund 0,04 bis 0,2 km² Fläche, die Grenzen werden aber nur selten verteidigt und überschneiden sich in der Regel mit Revieren anderer Gruppen. Gründe für Streitigkeiten sind vielmehr wertvolle Futterquellen in der kargen, öden Landschaft.

Weibchen werden mit etwa drei bis fünf Jahren geschlechtsreif und können in einer sehr kurzen Zeit, man vermutet nur wenige Tage im Januar, von ihren Geschlechtspartnern gedeckt werden. Männchen mit hohem Testosteronlevel nutzen ihre Brustdrüsen zum Anlocken der Weibchen. Männchen, die den typischen Brustfleck nicht aufweisen und damit weniger attraktiv sind, tauschen Sex gegen ausgeprägteres Groomen.

Lebensraum nahe Morombe mit Baobab und
Lebensraum nahe Morombe mit Baobab und etlichen „Krakenkakteen“

Nach einer Trächtigkeitsdauer von rund 165 Tagen kommt im Juni oder August ein einzelnes Jungtier zur Welt. Die ersten zwei Monate verbingt das Larvensifaka-Junge am Bauch der Mutter, dann klettert es auf ihren Rücken und wagt sich von dort ab und zu den ersten Ausflügen in die Umgebung. Mit einem halben Jahr sind junge Larvensifakas unabhängig von ihren Eltern. Männchen verlassen ihre Gruppen mit der Geschlechtsreife, Weibchen seltener. Rund 20 Jahre können Larvensifakas alt werden, manche Quellen sprechen sogar von über 25 Jahren.

Bekannt sind die Larvensifakas auf Madagaskar für ihren springenden Lauf auf zwei Beinen. Diese Berühmtheit ist vermutlich vor allem dem privaten Naturreservat Berenty zu verdanken, wo Larvensifakas handzahm gemacht und für die Besucher auf dem roten Boden mit Futter von Guide zu Guide gelockt werden. Dabei entstehen die typischen Fotos der „tanzenden Larvensifakas“. Oft sieht man Larvensifakas in ihrer natürlichen Umgebung auch morgens beim Sonnenbad auf warmen Steinen sitzen, im Schneidersitz mit ausgestreckten Armen, die Hände ruhen auf den Oberschenkeln. In den Baumkronen bewegen sich Larvensifakas wie die meisten Lemuren mit Sprüngen und Klettern fort, erfahrene und gewandte Tiere können gut zehn Meter weit springen.

Larvensifaka in Kirindy

Von der IUCN werden Madagaskars Larvensifakas seit 2018 als „critically endangered“, also vom Aussterben bedroht, auf der roten Liste geführt. Sie bevorzugen Lebensräume mit großen Bäume von mehr als 5 cm Stammdurchmesser sowie speziell die auf französisch „Krakenkaktus“ genannte Pflanze Alluaudia procera  (die eigentlich kein Kaktus ist, sondern zu den Didiereaceae gehört). Es handelt sich dabei um einen bis zu 15 m hohen Strauch mit einer Krone aus senkrechten, krakenarm-artig in die Luft ragenden Trieben, die von vielen kleinen, Wasser speichernden Blättern und ebensovielen Dornen bedeckt sind. Lebensräume ohne diese spezielle Pflanze werden von Larvensifakas nicht besiedelt. Die einzelnen Habitate der Larvensifakas sind inzwischen durch Brandrodung für Ackerbau oder Viehweiden sowie Bergbau stark verkleinert worden. Das Volk der Sakalava und nichtheimische Reisende jagen die Sifakas zum Verzehr, während sie bei den Stämmen der Antandroy und Mahafaly als fady (tabu) gelten. Aktuell gibt es noch einen Bestand von maximal 500 Tieren pro km² im am dichtesten von Larvensifakas besiedelten Gebiet, Anstersananomby. In den letzten 50 Jahren ist die Gesamtpopulation aber durch den massiven Lebensraumverlust um über die Hälfte zurückgegangen – ein bestürzender Trend. Wenn es so weitergeht, wird die Art innerhalb der nächsten Jahrzehnte vom Aussterben bedroht sein und damit dem Schicksal des Seidensifakas und seines schwarzen Sifaka-Gegenstücks folgen.

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