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Der Rausch der Saphire

Alles begann in einem kleinen Hüttendorf der Bara im Süden Madagaskars: Ilakaka. Weniger als hundert Einwohner zählte das Dorf noch Mitte der 90er Jahre, und nichts sprach dafür, dass sich dies schnell ändern sollte. Ilakaka liegt in einer flachen, heißen Ebene zwischen Ihosy und Toliara (französisch Tuléar) am gleichnamigen Fluss. Damit liegt es inmitten eines etwa 100 km ² großen Gebiet mit hohem Edelsteinvorkommen, und dies sollte das Leben der Menschen gravierend ändern.

Ilakaka
Ilakaka im Jahr 2015

Seit Ende der 80er Jahre wurden überall auf Madagaskar Edelsteinvorkommen entdeckt, und der ein oder andere Edelstein-Rausch lockte die Menschen mal hierhin, mal dorthin. Im Mai 1998 änderte sich die Situation jedoch schlagartig, als eine Ader mit sehr hochwertigen Saphiren nahe Ilakaka gefunden wurde. Innerhalb kürzester Zeit wurde das kleine Dorf zum Eldorado Madagaskars. Tausende von Menschen pilgerten hierher, um ihr Glück zu finden. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren stieg die Einwohnerzahl auf über 10.000 Menschen. Bald wurde der Begriff „ville champignon“ geprägt, weil die über zwei Kilometer lange, chaotische Siedlung gleich einem Pilz in kürzester Zeit aus dem Boden spross. Heute wird die Einwohnerzahl Ilakakas inklusive der Umgebung auf über 120.000 Madagassen und Ausländer geschätzt. Verschiedenste Volksgruppen Madagaskars finden sich hier, dazu kommen Thailänder, Sri Lanker, Schweizer, Amerikaner, Süd- und Westafrikaner. Eine offizielle Bürgerzählung gibt es bis heute nicht.

Ilakaka ist zur Zeit das größte Saphir-Abbaugebiet der Welt. Saphire selbst sind Kristalle des Minerals Korund, wobei die roten Kristalle Rubine genannt werden. Sie sind nach dem Diamant das zweithärteste und -wertvollste Material der Welt. Ihre grundsätzliche Gewichtseinheit ist das Karat (ct), 0,2 g entsprechen 1 ct. Der Marktpreis variiert jedoch massiv und kann zwischen wenigen Cent bis zu einigen tausend Euro schwanken. Saphire existieren in verschiedenen Farbgebungen, wobei die häufigsten gefundenen Saphire blau sind. Je nach Lichteinfall kann das Blau von leuchtendem Hellblau bis fast Schwarz variieren, wobei kornblumenblau die begehrteste Farbe ist. Farbgebend sind kleine Mengen Eisen, Titan, Chrom oder Vanadium, die sich in den Kristall gemischt haben, während farblose Saphire aus purem Korund bestehen. Der bisher größte auf Madagaskar gefundene Saphir wog 17,9 kg.

ZusatzSaphirfarbe
Eisengelb und grün
Eisen + Titanblau
Chrompink und rot
Titanpink
Vanadiumlila
Vanadium + Eisen + Chromorange
Die Neuankömmlinge in Ilakaka sind in der Regel bitterarm und werden angelockt von der Hoffnung auf schnellen Reichtum. Mit dem Taxibrousse kommen sie aus allen Teilen Madagaskars. Allein die Fahrt von Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars, dauert schon zwei bis drei Tage. Aus Palmen, Lehm und Abfall bauen sie sich kleine Hütten. Steinhäuser sind selten und meist Eigentum der reicheren Shop-Besitzer entlang der Route Nationale. Eigentlich verpachtet das Bergbauministerium Claims von 2,5 km² Fläche an größere Unternehmen, die dadurch Abbaurechte im entsprechenden Gebiet erwerben. Vor Beginn des Abbaus muss der Grundstücksbesitzer informiert und mit ihm ein weiterer Pachtvertrag geschlossen werden. Tatsächlich interessiert es kaum jemanden vor Ort, wem offiziell Claims gehören. Die Tompontany, die Landbesitzer, verpachten einzelne Schächte gegen Gebühren oder einem bestimmten Anteil am Verkauf der eventuellen Funde.

Der Saphir-Abbau selbst erfolgt in selbst gegrabenen Gruben und Schächten. Dabei gibt es zwei Abbaumethoden: Bei vovos handelt es sich um von drei, vier Arbeitern (Carrièremans) betriebene, senkrecht in die Erde gegrabene Schächte mit knapp einem Meter Durchmesser, die bis zu 25 m in die Tiefe reichen.

Ein Junge wird in den Schacht gelassen
Ein Junge wird in den Schacht gelassen

Mit einer Seilwinde aus Ästen, einem Strick und einem Eimer werden Arbeiter nach unten und Kies nach oben befördert. Am Fuße des Schachts wird im Schein von Kerzen oder Taschenlampen mit der Schaufel gegraben. Ist die Edelstein führende Schicht, die karoka, gefunden, graben die Arbeiter Stollen. In den engen, niedrigen Stollen herrscht ständige Einsturz- und Erstickungsgefahr. Die Alternative zur vovo ist die décapage: In Ketten von 10 bis 20 Personen werden Gruben mit bis zu 40 m Tiefe ausgehoben. Die Arbeit in den Minen ist extrem gefährlich. Stützgerüste, Leitern oder Geländer besitzt niemand, und wenn, sind sie selbstgebastelt und unsicher. Der seifig-schmierige Boden entlang des Flusses ist in der Regenzeit kaum begehbar, zu dieser Zeit des Jahres ist jeglicher Saphir-Abbau lebensgefährlich. Immer wieder stürzen Arbeiter in ungesicherten Schächten zu Tode, ersticken unter der Erde oder werden von abrutschendem Geröll lebend begraben.

Haben die Arbeiter Kies aus der Edelstein führenden Schicht an die Oberfläche befördert, wird das Material in Eimern oder Säcken zum Fluss geschleppt. Dort werden die Steine mit sivanas (Siebe mit Holzgestell, seltener Schildkrötenpanzer) ausgewaschen und per Hand nach Edelsteinen durchsucht. Hat ein Carrièreman dann tatsächlich etwas gefunden, so geht er zu einem der zahlreichen ausländischen Shops entlang der RN7 in Ilakaka, um ihn an einen Patron zu verkaufen. Beim Ankauf von Rohsaphiren ist Vertrauen enorm wichtig. Nur mit langjähriger Erfahrung ist ein Händler in der Lage, den wahren Wert eines Saphirs auf dem Markt zu erkennen. Natürlich kommt es dadurch auch zu viel Betrug an den Carrièremans, die das Rohmaterial liefern und den tatsächlichen Wert nicht schätzen können. Die Qualität der Saphire aus Ilakaka ist teils mit Kaschmir-Saphiren vergleichbar und damit sehr hoch. Auf Madagaskar werden zudem immer wieder außergewöhnliche Saphire wie 2003 der „deep purplish pink Beryl“ gefunden. Außerdem ist die Vielfalt der gefundenen Edelsteine Madagaskars sehr hoch, bisher wurden über 50 verschiedene Arten entdeckt, darunter Spessartin und Chrysoberyl.

Schürferin am Fluss
Schürferin am Fluss

Der größte Teil der in Ilakaka geschürften Saphire verlässt Madagaskar als Rohmaterial und landet in Sri Lanka oder Thailand. Dort werden sie geschliffen und weiterverkauft. Auf Madagaskar selbst gibt es nur wenige Werkstätten und Juweliere, die Schleifmaschinen und genügend Fachkenntnis zum Verarbeiten der rohen Steine besitzen. Ein Großteil der rohen Saphire werden sicherlich auch illegal aus Madagaskar geschmuggelt. Sichere Daten über den tatsächlichen Handelsumfang mit Saphiren auf Madagaskar existieren bis heute nicht.

Der Verdienst der Arbeiter an den Saphiren ist letztlich oft enttäuschend, und größere bzw. wertvolle Funde sind selten. Dazu kommt die Verlockung von Diskotheken, Geschäften, Glücksspiel und Prostitution – das hart verdiente Geld verschwindet meist ebenso schnell, wie es gekommen ist. Eine Bank oder ähnliche Einrichtung gibt es in Ilakaka nicht, und Diebstahl ist allgegenwärtig. Viele Arbeiter schaffen es nicht, die Heimreise für sich und ihre Familie in ihr eigenes Dorf zu finanzieren und sind so gezwungen, in Ilakaka zu bleiben. Ein endloser Teufelskreis beginnt.

Die hygienische Situation in Ilakaka ist seit Jahren prekär. Die Hütten und Bretterbuden haben keine Toiletten, und öffentlich Sanitäranlagen werden von Hunderten Menschen genutzt. Geregelte Müllabfuhrsysteme existieren nicht, und die wenigen Ärzte vor Ort sind private Praxen und damit für die Mehrheit der Einwohner nicht bezahlbar. Es wurden vor Jahren zwar Brunnen gebaut, doch verschmutzten diese in kurzer Zeit. Die einzige Möglichkeit, sauberes Trinkwasser zu bekommen, ist eine rund sieben Kilometer von der Stadt entfernte Quelle. Von dort verkehrt inzwischen auch täglich ein Tankwagen, der das Wasser in der Stadt verkauft – wer sich das nicht leisten kann, muss selbst zu Fuß gehen. Cholera-Epidemien suchen die Siedlung heim und Geschlechtskrankheiten sind weit verbreitet. AIDS ist vielen Menschen überhaupt nicht bekannt, Kondome werden so gut wie nie benutzt. Malaria tötet jedes Jahr unzählige Kinder und Erwachsene. Die wenigen existenten Schulen werden den vielen Kindern nicht gerecht, und oft genug müssen die Kinder statt zur Schule zu gehen ihren Eltern bei der Arbeit helfen. Über die Hälfte der Einwohner Ilakakas sind daher Analphabeten. Ein einziger Polizeiposten kümmert sich um Sicherheit und Ordnung, und durch die herrschende Armut ist Korruption leider keine Seltenheit.

Gefundene Saphire
Gefundene Saphire

Aber die Situation ist nicht nur für die Menschen selbst katastrophal: Durch den unkontrollierten Saphir-Abbau ist der sowieso dürre, trockene Boden in der Umgebung Ilakakas inzwischen zu einer bizarren Landschaft aus Löchern, Gräben und Gruben geworden, die anfällig für Erosion und wenig fruchtbar ist. Wo einst Wälder standen, sind heute nur Grassavannen und Minen übrig. Die Menschen benötigten Brennholz, Flächen für den Anbau von Reis und Maniok und Material zum Bau ihrer Hütten. Mit Brandrodung und Abholzung wurden Flächen geschaffen, die für nahezu nichts anderes mehr nutzbar sind als den Edelsteinabbau. Außer der Viehzucht auf überweideten Flächen, die traditionell vor allem von der Volksgruppe der Bara dominiert wird, haben die Menschen Ilakakas also kaum Alternativen zum Saphir-Abbau.

Seit einiger Zeit gibt es vor allem von verschiedenen nichtstaatlichen Organisationen Bestrebungen, den Menschen in Ilakaka zu helfen, sei es mit Aufklärung, medizinischer Grundversorgung oder dem Bau von Brunnen, Schulen und rudimentärer Infrastruktur. Im Edelsteinhandel zeichnet sich vereinzelt ab, dass faire Edelsteinen einen Absatzmarkt finden können, so gibt es z.B. ein Projekt nahe Ilakaka mit den roten Rubinen von Vatomandry. Da Ilakaka an den Isalo Nationalpark grenzt, ist selbst geschütztes Land längst in Gefahr. Umgekehrt versuchen aber einige kleine Gruppen, den Menschen vor Ort durch Ökotourismus einen geregelten Lebensunterhalt abseits der Edelsteine zu sichern. Letztlich gibt es noch sehr viel zu tun, um die Folgen des Saphir-Rauschs einzudämmen.

Lesens- und Sehenswertes zum Thema:

  • Saphir-Fieber auf Madagaskar
    360° – Geo-Reportage | Deutschland 2006 | Dokumentation | 55 min
  • Ilakaka – Hauptstadt des Saphirs: Eine politisch-ökologische Untersuchung des Saphirbergbaus in Madagaskar
    Diplomarbeit | Deutschland 2004 | Autor: Matthias Krockenberger

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