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Die wahren Schätze Madagaskars

Ein hochgewölbter, goldener Panzer, verhältnismäßig lange Beine und wache, glänzende, schwarze Augen: So sieht sie aus, die wertvollste Schildkröte der Welt. Sie kommt aus Madagaskar und trägt den Namen Schnabelbrustschildkröte (Astrochelys yniphora), wegen ihres auffälligen knöchernen Fortsatzes am Brustpanzer. Er dient den Männchen dazu, Kontrahenten regelrecht auf den Rücken zu hebeln. Und das ist ein ziemlicher Kraftakt, schließlich können die Männchen der Schnabelbrustschildkröte stattliche Gewichte von 10 bis 19 kg erreichen und knapp 45 cm lange Panzer haben. Die Weibchen bleiben ein kleines bisschen kleiner und leichter.

Astrochelys yniphora
Zeichnung aus der Beschreibung des französischen Zoologen Léon Vaillant von 1889

Der madagassische Name für die Schnabelbrust-schildkröte ist Angonoka. 15 Jahre dauert es, bis eine Angonoka überhaupt geschlechtsreif wird, und dann kann sie wahrscheinlich 100 werden. 15 Trockenzeiten, bis wie jedes Jahr im Oktober die ersten nassen Tropfen den Boden aufweichen und die Savannen in blühende Flächen umwandelt. Damit kommt die beste Jahreszeit für die Angonokas: Für kurze Zeit können sich die Schildkröten nun den Bauch vollschlagen, und einen Partner zur Paarung finden. Bei den wenigen verbliebenen Tieren ist das gar nicht so einfach! Paarungen und Eiablagen finden meist zwischen Januar und Mai statt, so haben die schlüpfenden Jungtiere die besten Startbedingungen. Das Weibchen legt bis zu sechs weiße, runde Eier in ein kleines Loch im Sandboden, das sie nach der Ablage wieder ordentlich zuschaufelt. Pro Regenzeit kann jedes Weibchen bis zu vier Gelege produzieren. Diese Anzahl ist allein deshalb notwendig, weil nur etwas über die Hälfte aller Eier schlüpfen.

Der ursprüngliche Lebensraum der Schnabelbrustschildkröte ist winzig und beschränkt sich auf einen kleinen Trockenwald mit angrenzenden steinigen, mit Gestrüpp bewachsenen Savannen nahe Soalala im Westen Madagaskars, etwa 150 km von Mahajanga (Majunga) entfernt. Direkt am Kanal von Mosambik liegt der Nationalpark Baie de Baly, etwas weiter im Land der Nationalpark Tsingy de Namoroka.

Astrochelys yniphora
Eine etwa 10 Jahre alte Astrochelys yniphora

Der Fluss Andranomavo fließt durch ersteren, und trennt die fünf verbliebenen Populationen der Schnabelbrustschildkröte voneinander: Östlich des Flusses leben noch Tiere in Beheta und Sada, westlich des Flusses in Ambatomainty, Andrafiafaly und Betainalika. Gerade mal 25 bis 60 km² werden noch insgesamt von den Schildkröten bewohnt, sie haben nirgends anders auf der Welt einen natürlichen Lebensraum. Schnabelbrust-schildkröten ernähren sich wie viele ihrer Verwandten recht karg. Kräuter, Gräser und Blätter  machen den größten Teil ihres Speiseplans aus. Ab und zu darf es auch mal eine vom Baum gefallene Frucht oder auch mal getrockneter Kot sein. Doch ein anspruchsloser Speiseplan schützt nicht vor dem Aussterben.

Der winzig kleine Lebensraum ist, wie viele andere Habitate der Insel, nicht nur massiv von Brandrodung bedroht. Das von Menschen eingeführte Buschschwein frisst die Eier und Jungtiere der Schildkröte, und auch einige Madagassen sehen die Schildkröte traditionell als eine Delikatesse an. Das größte Problem ist jedoch ein anderes: Die Angonoka hat extrem mit Wilderern zu kämpfen. Denn auf dem Schwarzmarkt werden Schnabelbrustschildkröten unter Sammlern für sehr hohe Preise gehandelt: 100.000 $ kann ein einziges erwachsenes Tier wert sein.

Astrochelys yniphora
Die Zuchtstation in Ampijoroa

Aktuell geht man von weniger als 100 lebenden, fortpflanzungsfähigen Schnabelbrustschildkröten auf Madagaskar aus, bei sinkender Tendenz. 2013 waren es noch rund 400 Tiere, davon etwa die Hälfte nicht geschlechtsreife Jungtiere. Als Vergleich: Es leben noch rund 2000 Pandabären auf der Erde, vom Tiger gibt es sogar noch zwischen 5000 und 7000 Individuen. Die Angonoka wird von der IUCN auf der roten Liste gefährdeter Tierarten mit höchstem Bedrohungsstatus geführt: Vom Aussterben bedroht. CITES, das weltweite Übereinkommen über den Handel mit geschützten Tierarten, untersagt jeglichen Handel mit Wildfängen von Astrochelys yniphora.

Eine kleine Anzahl Schnabelbrustschildkröten befindet sich nicht in ihrem Habitat in Baie de Baly, sondern etwas weiter östlich in einer Schutz- und Zuchtstation in Ampijoroa, direkt neben dem Nationalpark Ankarafantsika. Bereits 1986 wurde die Station vom Durell Wildlife Conservation Trust in Zusammenarbeit mit dem madagassischen Staat und dem WWF gegründet. Das Gelände ist mit Wachmännern besetzt und mit Natodraht eingezäunt, niemand Unbefugtes kommt hinein. Bis heute wurden dort über 600 Schnabelbrustschildkröten gezüchtet. Ein Teil davon wird wieder im natürlichen Habitat ausgesetzt, um die ursprünglichen Populationen zu erhalten.

Astrochelys yniphora
In den Panzer gravierte Nummern

Doch die Schutzstation in Ampijoroa war und ist immer wieder Ziel von Einbrüchen: 1996 wurden 75 Schildkröten von dort gestohlen, die Hälfte tauchte später in den Niederlanden wieder auf, konnte aber nie zurückgeführt werden. 2013 wurden in Thailand 54 Schnabelbrustschildkröten bei Schmugglern gefunden – die Nachricht machte weltweit Schlagzeilen, da dies etwa 10% der überhaupt vorhandenen Population waren. Die letzten bekannt gewordenen Schmuggler stahlen 2016 sieben Angonokas aus Ampijoroa – die Tiere wurden in Indien wiedergefunden. 2017 tauchten drei ausgewachsene Angonokas in Taiwan auf. Da die Schnabelbrustschildkröte auf Madagaskar offiziell geschützt ist und nicht exportiert werden darf, werden  Tiere, die an Flughäfen noch auf der roten Insel gefunden werden können, beschlagnahmt und nach Ampijoroa gebracht. Dort müssen sie jedoch eine jahrelange Quarantäne durchlaufen, bevor sie wieder mit anderen Schildkröten zusammenkommen dürfen.

Um dem Schmuggel entgegen zu wirken, arbeitet die Station inzwischen nicht nur an der Erforschung und dem Artenschutz der Angonoka, sondern auch mit der Bevölkerung zusammen, die im und um den Lebensraum der Tiere lebt. Der Nationalpark Baie de Baly wird inzwischen von rund 50 Personen betreut, die sich um den Schutz der Tiere kümmern. Um gestohlene Angonokas für jedermann sichtbar zu machen, werden die Schnabelbrustschildkröten von Ampijoroa bereits im jungen Alter markiert: Bestimmte kleine Einschnitte am Panzer werden vorgenommen, und bei erwachsenen Tieren werden riesige Nummern in den Panzer eingraviert. Diese „Beschädigung“ des wertvollen goldenen Panzers soll ihn außerdem für Wilderer weniger attraktiv machen.

Astrochelys yniphora
Schlüpflinge in Ampijoroa

Doch die Schutzbemühungen werden weltweit geflissentlich ignoriert. Insbesondere in Asien tauchen immer wieder offensichtlich in Ampijoroa markierte und damit gestohlene Schnabelbrustschildkröten auf. Doch die betroffenen Staaten tun nichts dagegen, und wenn, sind die Strafen kaum der Rede wert. Die Aussichten für die Schabelbrustschildkröte sind entsprechend zur Zeit mehr als düster: In weniger als drei (!) Jahren könnte sie in der Wildnis vollkommen ausgestorben sein. Damit würde einer der letzten wahren Schätze Madagaskars von diesem Planeten verschwinden. Die letzten Hoffnungen liegen nun auf dem Nachwuchs der Angonokas in Ampijoroa und den letzten ihrer Art nahe Soalala.

Lesens- und Sehenswertes zum Thema:

  • Durell Wildlife Conservation Trust
  • Die Goldenen Schildkröten von Madagaskar
    360° – Geo-Reportage | Deutschland 2014 | Dokumentation | 45 min
  • Home range and microhabitat use in the Angonoka tortoise
    Wissensch. Artikel | USA 1999 | Autoren: Smith, Bourou et al
  • Trial release of the world’s rarest tortoise Geochelone yniphora in Madagascar
    Wissensch. Artikel | Frankreich 2000 | Autoren: Miguel Pedrono, Augustin Savory
  • Reproductive ecology of the ploughshare tortoise (Geochelone yniphora)
    Wissensch. Artikel | USA 2001 | Autoren: Pedrono, Smith, Sarovy et al

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