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Die Frucht-Feinschmecker

Viele kennen sie aus Zoos und Tierparks: Schwarz-weiße Varis (Varecia variegata). Sie gehören zu den größten Lemuren neben dem roten Vari und dem Indri und erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 40 bis 60 cm, dazu kommen noch einmal 60 cm Schwanz. Gewichte von 3 bis 4 kg sind der Durchschnitt. Schwarz-weiße Varis leben ausschließlich in dem schmalen, übrig gebliebenen Regenwald-Streifen entlang der Ostküste. Leider sind die verbliebenen Lebensräume extrem zersplittert und liegen weit isoliert voneinander, so dass die Populationen sich untereinander kaum mehr vermischen.

Varecia variegata
Dieser neugierige schwarz-weißer Vari wollte eigentlich gerade eine Frucht essen

2001 wurde der schwarz-weiße Vari als eigene Art anerkannt. Drei Unterarten sind heute bekannt. Der Gürtelvari (Varecia variegata subcincta) lebt im Nordosten Madagaskars und kommt unter anderem im Spezialreservat Nosy Mangabe, im Makira-Massiv und im Mananara-Nord Nationalpark vor. Etwas weiter südlich lebt der den meisten Reisenden bekannte gewöhnliche schwarz-weiße Vari (Varecia variegata variegata) in der Gegend um Ambatovaky, Betampona und im Zahamena Nationalpark. Am südlichsten von allen drei Unterarten ist der südliche schwarz-weiße Vari (Varecia variegata editorum) zu Hause. Er ist in der Gegend um den Andasibe-Mantadia Nationalpark, im Ranomafana Nationalpark und im Spezialreservat Manombo beheimatet. Das schwarz-weiße Farbmuster variiert gleichsam je nach Region und Unterart. Vereinfacht gesagt: Je südlicher ein schwarz-weißer Vari lebt, desto weißer ist sein Fell. Zwischen den verschiedenen Populationen gibt es jedoch eine Menge Zeichnungsvarianten mit fließenden Übergängen.

Varis verbringen ihr gesamtes Leben in den Bäumen, nur sehr selten einmal berühren sie den Boden. Selbst um Essbares knapp über dem Boden zu erreichen, hängen sie sich lieber kopfüber vom Baum, als einfach nach unten zu springen. Auf den Ästen bewegen sie sich auf allen Vieren fort, können aber auch einige Meter weit springen. Meist sind schwarz-weiße Varis in kleinen Familienverbänden unterwegs, manchmal aber auch in größeren, gemischten Gruppen von bis zu 16 Tieren. Innerhalb aller Gruppen haben die Weibchen das Sagen: Sie bestimmen, wo die Gruppe rastet und wo nicht und dürfen grundsätzlich die besten Futterplätze besetzen. Männchen müssen schauen, wo sie bleiben.

Varecia variegata
Kopfüber vom Baum hängender Vari – er könnte auch auf den Boden springen, aber das wäre wider seine Natur

Für alle schwarz-weißen Varis beginnt der Tag im Schlafnest. Am frühen Morgen macht sich die Gruppe zusammen auf die Suche nach leckeren Früchten, Blüten und Blättern, immer geführt vom ranghöchsten Weibchen. Schwarz-weiße Varis sind dabei wahre Feinschmecker: Unter allen Lemuren machen Früchte bei ihnen den größten Teil des Futters auf – über Dreiviertel der Nahrung ist Obst. Süßer Nektar ist eine weitere besondere Leibspeise der Varis. Beim Ablecken des süßen Safts tragen sie unbemerkt Pollen von Pflanze zu Pflanze, und bestäuben so zum Beispiel den Baum der Reisenden. Mehr als 130 verschiedene Pflanzen beinhaltet der Speiseplan eines schwarz-weißen Varis, darunter Balsambaum- (Bureracea) und Lorbeergewächse (Cryptocarya, Ocotea), Sternbüsche (Grewia), Maulbeer- (Moraceae) und Myrtengewächse (Myrtaceae). Am Mittag, wenn die Temperaturen am höchsten sind, legen die Varis eine Ruhepause ein und suchen sich einen Platz in den Bäumen zum Schlummern – eigentlich ruhen sie so über die Hälfte des Tages. Erst am späten Nachmittag nutzen sie die verbliebene Zeit bis zum Sonnenuntergang, um noch einmal nach Futter zu suchen. Sobald die Dämmerung hereinbricht, suchen sich die Varis Schlafplätze, am liebsten möglichst weit oben in breiten, ausladenden Baumkronen.

Schwarz-weiße Varis sind mit zwei oder drei Jahren geschlechtsreif. Pro Gruppe gibt es in der Regel ein Zuchtpärchen, das miteinander Nachwuchs zeugt. Nur in größeren Verbänden lassen sich die Weibchen von mehreren Männchen begatten. Die Paarung findet in der Trockenzeit, im Juni oder Juli, statt. Im Gegensatz zu vielen anderen seltenen Lemuren sind schwarz-weiße Varis nicht nur ein einziges Mal im Jahr empfängnisbereit, sondern einmal im Monat für eine knappe Woche – was sich natürlich als wesentlich praktischer für die Fortpflanzung erweist.

Varecia variegata
Etwa halbjähriges Jungtier südlich von Toamasina

Nach nur rund drei Monaten bringt das Weibchen zu Beginn der Regenzeit, also um Oktober herum, zwei oder drei Jungtiere in einem Geburtsnest hoch oben in den Bäumen zur Welt. Das Nest wird nur wenige Tage benutzt, dann zieht die junge Mutter mit ihrem Nachwuchs bereits in ein neues Nest um. In raren Fällen können es sogar Vier- oder gar Sechslinge werden. Einzelne Jungtiere sind im Gegensatz zu den meisten anderen Lemurenarten sehr selten. Schwarz-weiße Varis haben im Gegensatz zu Kattas, Makis und Bambuslemuren sechs statt vier Milch gebende Zitzen, so dass sie auf mehr Jungtiere gut eingestellt sind. Die Jungen werden im ersten Monat nicht am Bauch der Mutter mitgetragen, wie es bei anderen Lemuren der Fall ist. Stattdessen werden sie in einem Familiennest gelassen, bis die Mutter wiederkommt. Ist ein Umzug nötig, trägt die Mutter ihre Jungen im Maul zum neuen Nest. In kleinen Familienverbänden wechseln sich die Eltern bei der Beaufsichtigung der Jungtiere ab. Bereits im Alter von knapp einem Monat unternehmen die Kleinen erste kleine Ausflüge auf nahe gelegene Äste. Dabei passieren jedoch viele Unfälle, und rund zwei Drittel aller Jungtiere überlebt die ersten Monate nicht. Mit drei bis vier Monaten beginnen schwarz-weiße Varis, Pflanzen und Früchte in den Mund zu nehmen und darauf herum zu kauen wie die Großen. Das ist auch notwendig, denn ihre Entwöhnung steht kurz bevor: Immer öfter verweigert die Mutter nun die Zitzen, und die Jungtiere müssen langsam komplett auf pflanzliche Nahrung umsteigen. Dabei kann es dann schonmal zu Streit kommen, und lautstark wird sich gekabbelt. Wer einmal einen schwarz-weißen Vari brüllen gehört hat, der vergisst das nicht so leicht: Die Rufe der erwachsenen Varis sind laut und über Kilometer zu hören. Nicht alles sind Warnrufe, manchmal sagen sich die Tiere auch nur, dass sie jetzt weiterziehen oder suchen ein Familienmitglied.

Varecia variegata
Weibchen der südlichen Unterart

Neben den berühmten Kattas gehört der schwarz-weiße Varis zu den am besten erforschtesten Lemuren Madagaskars. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Tiere im Vergleich zu anderen Lemuren verhältnismäßig einfach in Zoos zu halten sind und daher schon seit Jahrzehnten in menschlicher Obhut gezüchtet werden. Der älteste bekannte schwarz-weiße Vari in menschlicher Obhut wurde ganze 36 Jahre alt. In der Natur erreichen die Tiere dieses Alter wahrscheinlich nicht, sondern werden bei guten Voraussetzungen geschätzte 20 Jahre.

Aktuell sind fast alle verbliebenen Lebensräume von Abholzung oder Brandrodung stark bedroht, weshalb die IUCN die Varis auf der roten Liste gefährdeter Arten als „vom Aussterben bedroht“ listet. Allein in den letzten knapp 30 Jahren ist die Gesamtpopulation der Art um über 80% zurückgegangen. Neben der größten Bedrohung für die Varis, dem schwindenden Lebensraum, ist auch die Jagd ein Problem: Ihre Größe, die lauten Rufe und der neugierige Charakter macht schwarz-weiße Varis zu einem leichten Ziel für hungrige Waldarbeiter, arme Bevölkerung und Wilderer. Natürliche Feinde wie die Fossa, Mangusten oder Habichte sind vor allem für Jungtiere gefährlich, ausgewachsene Varis werden nur selten geschlagen.

Varecia variegata
Schwarz-weißes Vari-Männchen

Die Zucht außerhalb Madagaskars sichert dieser Art ein Weiterbestehen, selbst wenn die verbliebenen Habitate auf der roten Insel verschwinden sollten. Bereits 1997 wurden außerhalb Madagaskars gezüchtete schwarz-weiße Varis im Betampona Reservat frei gelassen, um den dortigen Bestand zu stabiliseren. Leider war die nur von geringem Erfolg gekrönt. Um den Bestand des schwarz-weißen Varis zu sichern, müssten daher vor allem seine Lebensräume konsequent geschützt werden. Wie alles auf Madagaskar geht die Umsetzung dieses Ziels jedoch nur schleppend voran. Doch für die Varis besteht noch Hoffnung: Es gibt noch etwa 10.000 Tiere auf Madagaskar, die langfristig geschützt den Grundstock einer stabilen Population bilden könnten.

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