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Die Dinosaurier von Mahajanga

2003 ging die Nachricht eines Dinosaurier-Fundes in Madagaskar um die ganze Welt: In einem Ausgrabungsgebiet rund 30 km entfernt von Mahajanga (früher Majunga) im Westen des Landes war das große, fast vollständig erhaltene Skelett eines Fleisch fressenden Dinosauriers gefunden worden. Ähnlich zum berühmten Tyrannosaurus rex handelte es sich um einen auf beiden Füßen laufenden Dinosaurier mit enorm kurzen Ärmchen und einem großen, scharf bezahnten Maul. Er erreichte eine Länge von sechs bis acht Metern bei einem geschätzten Gewicht von gut einer Tonne, wobei viele Knochen hohl oder eingekerbt waren, um überflüssiges Gewicht zu reduzieren. Die Finger des Dinosauriers waren zusammengewachsen und trugen nur an je zwei Fingern kleine Krallen. Das riesige Tier lebte vor 66 bis 70 Millionen Jahren, am Ende der Kreidezeit, und bisher ist es das einzige nahezu vollständige Fundstück seiner Art. Schon fast ein Jahrhundert zuvor, 1896, hatte der Paläontologe Charles Depéret einige Zehen, eine Kralle und diverse Wirbel des gleichen Dinosauriers beschrieben. 2003 war sogar ein kompletter Schädel gefunden worden. Ein vollständiges Skelett hatte jedoch seitdem niemand konstruieren können. In den 1950er Jahren gab der französische Forscher Lavocat dem Dinosaurier passend zu seinem Fundort den Namen Majungasaurus crenatissimus.

Majungasaurus crenatissimus-1
Rekonstruktion des Kopfes von Majungasaurus crenatissimus,  CC BY-SA 3.0 FunkMonk

Aber nicht nur das Skelett von 2003 selbst war einzigartig, es stellte außerdem eine Verbindung zu den Dinosauriern des südlichen Asiens und Südamerikas her. Madagaskar wurde vermutlich schon vor über 85 Millionen vom Kontinent Gondwana abgetrennt, und war seitdem mit keinem Festland mehr verbunden. Dies bot und bietet Tieren und Pflanzen die Möglichkeit, sich völlig unabhängig von allen anderen Gegenden der Welt zu entwickeln. Trotzdem ähnelten die gefundenen Dinosaurier auf Madagaskar Arten, die man bisher nur aus Indien und Argentinien kannte. Möglicherweise bedeutet das, dass Madagaskar viel länger mit Gondwana verbunden war als bisher angenommen.

Doch der Majungasaurus ist nicht der einzige Dinosaurier, den Madagaskar zu bieten hatte. 1993 gründeten Forscher das Mahajanga Basin Project. Nahe Berivotra, einem kleinen Hüttendorf, befindet sich die sogenannte Maevarano-Formation, in der Forscher seitdem immer wieder Nachweise aller möglicher Tiere aus Urzeiten finden. Viele davon sind Erstbeschreibungen oder die einzigen bekannten Funde ihrer Art. Darunter sind immer wieder neue oder außergewöhnliche Tiere, wie Beelzebofus antinga, ein längst ausgestorbener Frosch, der mit bis zu fünf Kilo Körpergewicht als der größte weltweit gilt. Gesponsert wird das Projekt von verschiedenen internationalen Fonds. Die teilnehmenden Forscher kommen mehrheitlich von der Universität Antananarivo sowie der Stony Brook University aus New York.

Rapetosaurus krausei
So könnte Rapetosaurus krausei ausgesehen haben, CC BY-SA Nobu Tamura

Bereits zwei Jahre nach der Gründung des Projekts entdeckten Forschern der State University, New York und der staatlichen Unversität Antananarivo sowie dem Science Museum of Minnesota neben unzähligen Einzelknochen ein Dinosaurierskelett. Es handelte sich um das fast vollständige Skelett eines Jungtiers sowie den Schädel eines ausgewachsenen Tiers der Art Rapetosaurus krausei. Dieser 15 m lange Dinosaurier bewegte sich auf allen Vieren fort, trug einen verhältnismäßig kleinen Kopf auf einem sehr langen Hals und ernährte sich ausschließlich von Pflanzen. Vermutlich war er eines der Beutetiere des viel größeren Majungasaurus. Auch sein Fund war jedoch eine kleine Sensation, denn nie zuvor hatte jemand ein fast vollständiges Skelett eines Dinosaurier der Titanosaurus-Familie gefunden. Noch im gleichen Jahr fand man außerdem das Skelett eines gerade mal 50 cm langen Tiers, das ein Verbindungsglied zwischen Vögeln und Dinosauriern darstellen könnte: Rahonavis ostromi trug Federn am gesamten Körper, aber auch Klauen und einen länglichen, zahnbesetzten Schädel wie ein Velociraptor. Er lebte in der späten Kreidezeit, vor etwa 65 bis 70 Millionen Jahren.

Simosuchus clarki
Rekonstruiertes Skelett von Simosuchus clarki, CC BY-SA 3.0 D. Gordon E. Robertson

Und die Entdeckungen auf Madagaskar gingen weiter: 1998 fand ein madagassischer Student ein sehr gut erhaltenes, fast vollständiges Skelett eines kleineren, Krokodil ähnlichen Dinosauriers. Für ein Krokodil hatte das Tier jedoch ein sehr merkwürdiges Äußeres: Es war nicht einmal 80 cm lang, trug einen kurzen, breiten Kopf und einen verhältnismäßig kurzen Schwanz. Sinosuchus clarki war außerdem mit Zähnen ausgerüstet, die für das Abweiden von Grünem vorgesehen waren. Die gesamte Haut war mit Knochenplatten versehen, die dem kleinen Saurier einen guten Schutz vor Angreifern boten. Und es war nicht der einzige Krokodil ähnliche Dinosaurier aus Madagaskar: Araripesuchus tsangatsangana sah den heutigen Krokodilen sehr ähnlich, war jedoch wesentlich hochbeiniger. Daher auch sein Name: Mitsangatsangana ist der madagassische Ausdruck für „spazieren gehen“. Ein am ehesten Krokodil ähnlicher Dinosaurier war Mahajangasuchus insignis.

1998 gründete das Team vor Ort zusätzlich den Madagascar Ankizy Fund, der sich um Gesundheit, Grundversorgung und Ausbildung von vor allem Kindern der Umgebung kümmert. Zu den bisherigen Erfolgen zählen fünf Grundschulen, viele Brunnen und eine Kooperation mit Krankenhäusern in den USA. So haben auch die Menschen um Berivotra einen direkten Gewinn aus den Ausgrabungen.

Masiakasaurus knoepfleri
War Masiakasaurus knoepfleri grün? Das bleibt zu erforschen. CC BY-SA Nobu Tamura

2001 wurde die Beschreibung eines weiteren nahe Mahajanga aufgefundenen Dinosauriers veröffentlicht: Mit etwas weniger als zwei Metern Länge war Masiakasaurus kein Riese. Zusammen mit Funden aus dem Jahr 2011 sind von diesem Dinosaurier inzwischen rund 65% des Skeletts bekannt. Und Masiakasaurus knoepfleri war speziell, zumindest was seine Zähne betraf: Die vordersten Zähne standen schräg aus dem Maul heraus – man vermutete, dass der Saurier damit kleine Beutetiere regelrecht aufspießen konnte. Übrigens bezieht sich der Name knopfleri auf den Sänger der Dire Straits. Auch Wissenschaftler haben eben einen gewissen Humor – während besonders erfolgreicher Ausgrabungen war Musik der Dire Straits gelaufen.

Leider können die Ausgrabungsstätten des Mahajanga Basin Project nicht besichtigt werden, und auch die Skelette der Dinosaurier befinden sich nicht mehr in Madagaskar, sondern im naturhistorischen Museum in Paris. Nichtsdestotrotz gibt es noch vieles auf Madagaskar zu entdecken, und es dürften noch etliche Dinosaurier im roten Boden der großen Insel auf ihre Entdeckung warten.

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